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Der Sitz ist nicht das Ziel - eine Kolumne

  • Chris von TravelSingFly
  • 7. Jan.
  • 6 Min. Lesezeit

Über Luxus, Reisen und die Frage, was unterwegs wirklich zählt.


Über die Jahre mit TravelSingFly habe ich unzählige Nachrichten bekommen, die sich alle um dieselbe Sache drehen: Es geht um First Class, um Business Class, um Suiten mit Türen, um Duschen über den Wolken, um Champagner – und um die Frage, wie man mit Meilen möglichst weit nach vorne kommt.

Das ist verständlich. Fliegen in Premium-Klassen ist faszinierend. Es ist bequem, ruhig, manchmal tatsächlich magisch. Gleichzeitig ist es ohne entsprechendes Spezialwissen nicht so einfach, diese tollen Sitze zu buchen, ohne dabei arm zu werden. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich jemandem dabei helfen konnte. Und natürlich: Auch ich finde es jedes Mal großartig, wenn der Sitz im Flugzeug sogar eine Tür hat und eher an einen kleinen Raum erinnert als an einen Platz in einem Flugzeug. Wobei mir auch nach weit über 1.000 Flügen wichtig ist, mir das Bewusstsein zu erhalten, wie besonders das eigentlich ist.

Aber je länger ich das alles mache, desto öfter kommt mir ein Gedanke:

Wir reden sehr viel über den Sitz – und erstaunlich wenig über die Reise.

Ursprünglich war Business und First Class genau das, was der Name sagt: ein Mittel zum Zweck. Eine Möglichkeit, ausgeruhter anzukommen, weniger erschöpft, vielleicht sogar ein bisschen besser gelaunt. Heute habe ich manchmal das Gefühl, dass sich dieses Verhältnis umgedreht hat. Der Flug ist nicht mehr der Weg zur Reise. Er ist die Reise.

Die Fragen lauten dann nicht mehr: Will ich nach Japan? Will ich nach Südamerika? Will ich nach Oman oder Hongkong oder Afrika? Sondern: Wo bekomme ich die beste Suite? Wo gibt es die spektakulärste First Class? Wo steht der beste Champagner?

Das Ziel wird austauschbar. Der Sitz wird der eigentliche Inhalt.


Wenn der Weg wichtiger wird als das Ziel

Bevor das hier zu moralisch klingt: Natürlich bin ich da nicht unschuldig. Ich betreibe schließlich einen YouTube-Kanal über Airlines. Es wäre gelogen zu behaupten, ich würde nie wegen eines Produkts fliegen. Manchmal sitze ich dann im Flugzeug und denke: Wenn ich ehrlich bin, ist es verrückt, was ich gerade mache – nur wegen eines Sitzes. Maaaaann! - Aber wenn man die Aviation Reports so ernst nimmt wie ich, gehört es eben auch dazu, über Dinge zu berichten, zu denen man weder Zeit noch Lust hat, die aber relevant sind. Ich versuche zumeist, das Ganze trotzdem mit einem interessanten Ziel zu verbinden – was nicht immer geht. Vielleicht ist das der Preis dieses Hobbys, das irgendwann in eine jobähnliche Situation ausgeartet ist.


Ich kenne diese Logik also auch von mir selbst – vielleicht sogar besser, als mir lieb ist.

Vor einiger Zeit war ich beruflich für eine Opernproduktion in Tokio. Im Anschluss daran entstand eine ganze Kette von Flügen quer durch die Region – auch um Material im Voraus zu filmen für Zeiten, in denen ich nicht fliegen kann. Zehn Segmente oder so: Osaka – Seoul – Jeju – Peking – Hongkong – Bangkok – Hongkong – Shanghai – Tokio. Absolut verrückt. Aber ich habe es geschafft, alles mit Dingen zu verbinden, die mir wirklich etwas bedeuten: Verwandtschaft in Bangkok, liebe Freunde in Hongkong. Zwischen diesen beiden Städten bin ich für den Kanal in Emirates First Class geflogen – nicht nur, weil es ein spektakuläres Produkt ist, sondern weil es sich sinnvoll in diese Reise eingefügt hat.

Oder Shanghai. Ich wollte diese Stadt mein ganzes Leben lang einmal sehen, und wenn auch nur kurz. Als ich sah, dass die COMAC C919, das erste große chinesische Verkehrsflugzeug, zwischen Hongkong und Shanghai fliegt, habe ich beides miteinander verbunden. Ich war am Ende nur einen Abend dort – aber sehr bewusst. Gutes Hotel? Nebensache. Das hätte nur vom Eigentlichen abgelenkt: von der Skyline am Bund. Ich war da. Und ich habe sie sehr bewusst und begeistert gesehen. Viel besser als: "Oh ich muss jetzt zurück und noch ein wenig das schöne XY Luxus-Kettenhotel nutzen."

Und natürlich gibt es auch die ganz klar für den Kanal „beruflich motivierten“ Reisen. Ich habe zum Beispiel kurz vor der Systemumstellung von Miles & More einen Lufthansa-First-Class-Flug von São Paulo nach Frankfurt gebucht – um zu zeigen, dass man dort wegen der Gesetzgebung praktisch ohne Zuschläge in der First Class nach Europa fliegen kann. Ein Unikum bei Lufthansa. Den Flug hatte ich impulsartig gebucht. Aber selbst da bin ich nicht einfach nur für den Sitz nach São Paulo geflogen und wieder zurück. Ich wollte immer schon Rio de Janeiro sehen. Also bin ich nach Rio geflogen und habe daraus eine echte, wenn auch zu kurze Reise von insgesamt fünf Tagen gemacht. Hin ging es mit der sehr engen Iberia Economy Class. Kein schöner Sitz. Aber ein sinnvoller – denn auch das gehört zu einem ehrlichen Airline-Kanal: zehn Stunden in echter Enge. Und ich war trotzdem glücklich. Wegen Rio. Und es tut mental auch immer gut, zwischendurch ganz normal Economy zu fliegen.

Vielleicht ist genau das der Punkt: Ja, manchmal fliege ich wegen eines Produkts. Aber ich versuche, daraus trotzdem immer eine Reise zu machen – etwas, an das ich mich hoffentlich auch in vielen Jahren noch erinnere, und nicht nur einen Fotobeweis, dass ich irgendwo gesessen habe.


Was am Ende wirklich bleibt

Trotzdem: Je öfter man reist, desto deutlicher wird, wie seltsam diese Verschiebung eigentlich ist.

Ich habe Flüge erlebt, die großartig waren. Und ich habe Reisen erlebt, die großartig waren. Und ich habe gelernt: Diese beiden Dinge sind nicht automatisch dasselbe.

Ein perfekter Sitz kann einen langen Flug angenehm machen. Er kann einen schlechten Tag retten. Er kann ein tolles Erlebnis für sich sein. Aber er kann kein belangloses Ziel bedeutungsvoll machen. Und er kann nicht den Kitzel ersetzen, den Neugierde liefert.

Man sieht das besonders gut bei dem, was viele das „Meilen-Game“ nennen. Da werden plötzlich Routings gebaut, bei denen man zweimal um die halbe Welt fliegt, 48 Stunden unterwegs ist, um 24 Stunden irgendwo zu verbringen – nur damit man sagen kann, man sei dieses oder jenes Produkt geflogen. Emotional manchmal nachvollziehbar. Rational ist das selten. Und irgendwann stellt sich die Frage, ob man gerade reist – oder ob man nur noch Erlebnispunkte und schnelle Instagram-Fotos sammelt.

Das Absurde ist: Viele dieser Reisen sind im Moment toll, hinterlassen aber erstaunlich wenig. Zwei Nächte im Hotel, ein bisschen herumlaufen, ein paar Fotos, dann zurück – am besten wieder in der nächsten spektakulären Kabine. Der Flug war das Ereignis. Das Land war kurze Selfie-Kulisse. Aber was bleibt?


Meine erste große Reise allein habe ich mit 16 gemacht: drei Wochen New York, mit meinem besten Schulfreund – der bis heute mein bester Freund ist. Ein Wunder, dass unsere Eltern das erlaubt haben. Aber die Zeit war eine andere... - Gefolgt sind zahllose Reisen auf allen Kontinenten, weltberühmte Städte und Landschaften und echte Geheimtipps. Wenn ich ehrlich auf meine besten Reisen zurückblicke, dann waren das fast nie die mit dem teuersten Ticket oder dem besten Champagner. Es waren die, bei denen mich ein Ort überrascht oder berührt hat. Bei denen mir Gerüche, Geräusche, Stimmungen, Begegnungen bis heute im Kopf geblieben sind. Ich war immer flugbegeistert, der Flug war also irgendwie wichtig. Aber er war nicht die Geschichte.

Natürlich ist nichts falsch daran, bewusst ein Produkt erleben zu wollen. Emirates First, Qsuite, Cathay Aria Suite, ANA The Room, Lufthansa First, Singapore First Class Suites, Etihad First Apartments. Dazu Krug oder Dom Pérignon, viele Gänge, ein schickes Amenity Kit, vielleicht sogar Kaviar. Das alles begeistert mich regelmäßig. Es ist großartig. Wirklich!

Der Unterschied liegt woanders: Ist der Flug Teil der Reise – oder ist der Flug die Reise?

Wenn der Flug dich mit guten Erfahrungen erholt an ein Ziel bringt, das dich interessiert, wenn er Teil eines größeren Plans ist, dann ist Premium-Fliegen genau das, was es sein sollte: ein schöner Baustein und ein sehr angenehmes, manchmal luxuriöses Werkzeug.

Wenn der Flug aber der einzige Grund ist, warum man überhaupt losfliegt, und das Ziel eigentlich egal wird, dann stimmt etwas nicht mehr ganz. Und interessanterweise gerät dann oft auch der Flug schneller in Vergessenheit. Manchmal bekomme ich Mails von Leuten, die genau so planen: nur den XY-Superluxusflug, egal wohin, ohne Interesse an der Destination, mit fast direktem Rückflug. Fast immer von sehr jungen Leuten. Und ich versuche dann, sanft in eine andere Richtung zu lenken: Luxus-Sehnsucht und schnelle Instagram-Hoffnung ein bisschen entschärfen, zugunsten von mehr Abenteuer. Bin ich jetzt alt? Bestimmt älter. Aber wir müssen uns doch die Lust auf Überraschung und Begeisterung bewahren.


Der Sitz ist nicht das Ziel.

Das heißt nicht: Verzichte auf Komfort. Verzichte auf Luxus. Flieg nur noch Economy. Ganz im Gegenteil! - Ich sitze selbst ständig im Flugzeug und zeige einige der luxuriösesten Produkte.

Es heißt nur: Lass uns nicht den Rahmen mit dem Bild verwechseln.

Der Sitz ist der Weg. Nicht der Grund.

Vielleicht sollte man sich, bevor man fragt, wie man in die beste First Class kommt, erst einmal fragen, wo man eigentlich wirklich hin will – und erst danach: wie man besonders schön dorthin kommt.

Wenn beides zusammenpasst, entsteht etwas Besonderes. Wenn nicht, bleibt am Ende oft nur die schnell verblassende Erinnerung an zehn Stunden auf einem sehr schönen Sitz – und erstaunlich wenig Erinnerung an die Reise.

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